Militärflugplatz Neumünster von 1935-45 / von Marcus Kroll

Die Anfänge des Militärflugplatzes Neumünster fangen, wie bei fast jedem anderen Flugplatz auch, im Jahre 1935 mit der Enttarnung der Luftwaffe Deutschlands an. Da sich die neue Luftwaffe ab diesem Zeitpunkt im Aufbau befand, mussten auch neue Flugplätze her. Einer davon war der Platz in Neumünster. Der Bau des Flugplatzes begann offiziell im Jahr 1936. Zu diesem Zweck wurde ein Gelände ausgesucht, das am Stadtrand von Neumünster lag. Ein paar Gartenkolonien und ein Bauernhof verschwanden mit der Zeit, um dem Rollfeld Platz zu machen. Dieses stieß bei der Neumünsteraner Bevölkerung auf wenig Gegenliebe, da sich diese Kolonien zu einem beliebten Ausflugsziel entwickelt hatten.

Schild am Platzrand Neumünster

Im Jahre 1938 war der Ausbau des Rollfeldes zu 70% abgeschlossen, und man begann noch im selben Jahr mit dem Bau des ersten Hangars direkt an der Heider Bahn. Neben diesem entstanden noch mehrere größere Baracken am Ostende des Platzes, welche unter anderem die Kantine, die Flugleitung und Unterkünfte für Fliegendes- und Bodenpersonal enthielten. Schon im Jahre 1936 bekam Neumünster seine erste Luftwaffengarnison in Form der Fliegergruppe See. Diese Einheit bezog in der damals neu errichteten Berufsschule an der Roonstraße ihr Quartier.

Berufsschule in der Roonstraße in Neumünster (1936 und 1998), damals Flieger-Quartier und Fliegerschule

In dieser Einheit wurde in der Hauptsache infanteristische Ausbildung betrieben. Der Kommandeur war ab 1938 Oberstleutnant Erich Boenisch, der im ersten Weltkrieg als Beobachter beim Marine-Fliegerkorps in Flandern diente.

Der erste Nutzer des Platzes war nicht das Militär direkt, sondern ein Betrieb, der mit dem Militär eng zusammen arbeitete. Es war die Land und See Leichtbau GmbH der Gebrüder Sachsenberg. Diese Firma wurde im Jahre 1936 gegründet. Die Leichtbau GmbH  bezog die Räumlichkeiten einer Fabrik in der Sedanstraße in Neumünster und begann ab 1938/ 39 mit den Tätigkeiten im Bereich der Luftfahrzeug-Reparatur und  -Umrüstung. Im August 1939 war die „Land und See“ so mit Aufträgen der Luftwaffe ausgelastet, dass man eine Erweiterung des Betriebes vornahm. Zu diesem Zweck wurde eine Halle in Beschlag genommen, die damals zur Viehversteigerung genutzt wurde. Heute kennt man sie unter dem Namen „Holstenhalle“.

Die erste Belegung mit einer fliegenden Einheit findet sich ab dem 21. September 1939. Es war die II./ JG 77, welche vorher in Nordholz lag. Die II. Gruppe hatte bis zu ihrer Weiterverlegung am 01. November 1939 nach Mitteldeutschland einige Einsätze über der Deutschen Bucht geflogen, wobei mehrere Luftsiege  zu verzeichnen waren.

Im Oktober `39 wurde in Neumünster auch der Stab/ JG 77 unter dem Befehl von Oberstleutnant von Mannteufel aufgestellt. Im Oktober traf auch die I./ ( J ) / LG2 in Neumünster ein. Sie verlegte ebenfalls am 01. November nach Mitteldeutschland. Am 31.Oktober `39 verlegte von Schleswig kommend ein Teil des JG 101 auf den Platz Neumünster, und blieb dann bis zum Februar 1940. Über Einsätze liegen keine Angaben vor.

Im März beglückte die I. ( J )/ LG 2 nochmals mit ihrer Anwesenheit Neumünster, ohne dabei Einsätze zu fliegen, weil der noch nicht ganz ausgebaute Platz durch die Schneeschmelze aufgeweicht war. Im April des Jahres begann das Unternehmen Weserübung. Dabei spielten die Flugplätze in Schleswig- Holstein wie Uetersen und Neumünster eine gewichtige Rolle. In Neumünster waren bereits ab dem 02. April Gebirgsjäger und andere Infanterieverbände zusammengezogen worden, um sie dann ab dem  09. April `40 nach Narvik und Oslo- Fornebu zu fliegen. Zu diesem Zweck wurden die Kampfgruppen zur besonderen Verwendung 102 ( mit JU 52) und 107 ( mit JU 90 und G 38 ) nach Neumünster verlegt.

Kampfgruppe zur besonderen Verwendung 107 mit ihren Ju 90 und G 38 im April 1940 in der Vorbereitung zum Unternehmen Weserübung

Blick über den Flugplatz;

Kgr.z.b.V. 102 mit JU 52

Die KGr.z.b.V. 102 startete am 13.April 1940 mit 10 Maschinen  in Neumünster mit Ziel Narvik. Dort angekommen machten die Maschinen auf einem zugefrorenen See eine Notlandung. Die Soldaten schlugen sich von dort über die Erzbahn nach Narvik durch. Die Maschinen versanken bei der Schneeschmelze im See. Die ersten Verluste hatte die Gruppe schon kurz nach dem Start in Neumünster zu verzeichnen. Zwei JU 52 gingen durch Notlandung verloren. Die erste stürzte beladen in den an den Flugplatz grenzenden Stadtwald, wobei die Maschine zu 80% zerstört wurde. Es gab mehrere Schwerverletzte, aber keine Toten.

Die zweite JU 52 stürzte bei Neumünster- Einfeld auf einen Acker und wurde ebenfalls fast vollständig zerstört. Dort soll es zu Toten gekommen sein. Die Maschinen der KGr.z.b.V 107, darunter auch die betagte Junkers G38 von der Lufthansa, und die vier JU 90 transportierten ihre Fracht aus Soldaten und deren Material ohne Zwischenfälle nach Norwegen. Nach Beendigung der  Operationen in Dänemark und Norwegen wurde es auf dem Flugplatz Neumünster wieder etwas ruhiger.

Als weitere Belegung läßt sich für das Jahr 1940 ein Teil der IV. (EG)/ ZG 26 mit Messerschmitt Bf 110 Zerstörern feststellen. Diese paar Maschinen lagen zwischen dem 17.08. und 21.08. in Neumünster. Ansonsten beherrschten die Bf 109 bei der Land und See GmbH das Bild auf und über dem Flugplatz. Da zu dieser Zeit niemand mit feindlichen Luftangriffen rechnete, gab es auch bis 1942 keine Flak in Neumünster. Weitere feste Belegungen der Luftwaffe sind bis 1943 nicht bekannt. Hin und wieder landeten Maschinen zum Transport oder zum Auftanken in Neumünster.

1942 bekam dann auch Neumünster die Auswirkungen des Luftkrieges zu spüren. Am 29.04.42 stürzte eine Britische Handley Page Hampden  nach Abschuss durch einen Deutschen Nachtjäger auf ein beliebtes Tanzlokal im Innenstadtbereich von Neumünster, wobei erheblicher Sachschaden entstand. Außer der Besatzung gab es keine Toten zu beklagen. In der Nacht vom 26./ 27.07.42 stürzte ebenfalls von einem Nachtjäger abgeschossen, ein Wellington-Bomber auf ein Wohnhaus in der Innenstadt und riss neben der fünfköpfigen Besatzung auch sieben Bewohner mit in den Tod.

Absturzstelle eines Wellingtonbombers in der Christianstraße in Neumünster. Er wurde in der Nacht vom 26. / 27.07.42 von einem deutschen Nachtjäger abgeschossen. Neben der fünfköpfigen Besatzung fanden auch sieben Bewohner des Mehrfamilienhauses den Tod.

Umfangreicher Absturzbericht folgt demnächst !

Im Dezember wurde durch Joseph Goebbels der Befehl erteilt, dass im gesamten Reichsgebiet die sechzehnjährigen Schüler zum Dienst an der Flak  herangezogen wurden. Dieser Befehl betraf auch etliche Neumünsteraner Schüler, die ab dem 15.01.43 zur Luftwaffe eingezogen wurden. Sie wurden in der Kaserne an der Roonstraße ( der alten Berufsschule) kaserniert. Die Ausbildung dauerte zwei bis drei Monate. Danach wurden sie zunächst bis Jahresende auf und am Flugplatz an den 2 cm Flak 38 Geschützen und den Suchscheinwerfern eingesetzt.

Nach einem Befehl von Joseph Goebbels wurden ab Januar 1943 sechzehnjährige Schüler innerhalb von zwei bis drei Monaten zu Flakhelfern ausgebildet, um sie dann zur Flugabwehr fast ungeschützt dem Bombenhagel auszusetzen. (Anm.: s.a. Bericht Jasdorf)

Im April begann die Aufstellung der III. / JG 11 mit etwa 480 Mann. Ausgerüstet war die Gruppe mit Messerschmitt Bf 109 G-6 Maschinen. Ab diesem Jahr kam es auch über Neumünster vermehrt zu Luftkämpfen mit englischen und amerikanischen Jägern und Bombern, von denen einige um Neumünster herum abstürzten. Sowie auch etliche deutsche Flugzeuge, bei denen die Piloten den rettenden Absprung nicht mehr schafften.

Im Jahre 1944 trifft man als einzige und größte Belegung auf eine Außenstelle der Flugzeugführerschule B39 mit Focke- Wulf 58 „ Weihe“, Junkers W34 und Siebel Si 204. Zu dieser Zeit wunderte man sich über die italienischen Flieger in der Stadt. Denn diese wurden zwischen Juni und Juli in Neumünster ausgebildet. Im April des selben Jahres wird der Flugplatz zum ersten mal von US- Tieffliegern heimgesucht, wobei es einen Toten und mehrere Verletzte gab. An Gebäuden und abgestellten Maschinen entstand allerdings nur geringer Schaden. Nur einen Monat später wurde ein Personenzug von Kiel nach Neumünster fahrend von solchen Terrorfliegern angegriffen, wobei es 19 Tote gab, in der Mehrzahl Frauen und Kinder. Im Oktober kam es zu dem bis dahin schwersten Luftangriff auf Neumünster, in dessen Verlauf auch der Flugplatz ein paar eher unwesentliche Treffer erhielt. Dabei entstanden nur Sachschäden an den Baracken und dem Flugfeld. In der Stadt starben während des Angriffs aber über 100 Menschen.

Schon im Februar zeichnete sich das Kriegsende deutlich ab. Die Verluste waren so dramatisch gestiegen, dass man schon seit längerem Minderjährige zum direkten Frontdienst heranzog. Die Fronten hatten sich teilweise schon auf deutsches Gebiet heran geschoben. Das hatte zur Folge, dass es auf dem Flugplatz Neumünster belebter zuging. Ab April 1945 wurde die Lage schon hoffnungslos. Berlin war von den Russen eingeschlossen, und die Briten hatten bei Lauenburg die Elbe überschritten.

Auf dem Flugplatz Neumünster lag ab Ende April die II./ JG 26 mit Focke- Wulf 190 D-9 Jagdflugzeugen und flog fast ununterbrochen Aufklärungs- und JaBo-Einsätze gegen die vorrückenden Briten. Am 30.04. landeten dann auf dem Verlegungsflug nach Norwegen die JU 188 Maschinen der I./ KG 66 in Neumünster.

Das JG 26 verließ am 03.05.45 Neumünster (und Kleinkummerfeld!), genauso wie die Maschinen des KG 66 Richtung Norwegen. Auf dem Platz blieben einige wenige flugunklare Maschinen, sowie die Maschinen, die bei der Land und See zur Reparatur waren, zurück. Der endgültige Einmarsch der Briten erfolgte im Verlauf des 04.05.45, wobei sie auch den unbeschädigten Flugplatz besetzten. An diesem Tag wurden auch die über tausend Zwangsarbeiter aus allen Teilen Europas, die für die Land und See GmbH in Neumünster arbeiteten, befreit. Die letzte deutsche Maschine landete am 08.05.1945 auf dem Flugplatz Neumünster. Es war eine JU 52 einer Transportgruppe und kam aus Norwegen.

Danach wurde der Platz von den Briten nur noch als Schrottplatz für ausgediente deutsche Flugzeuge genutzt. Die letzten Wracks verschwanden im Frühjahr 1948.

Deutscher Flugzeugschrott vor dem alten Neumünsteraner Hangar

Land & See Gelände 1945

Im Jahre 1950 entstand auf dem ehemaligen Flugplatz ein neuer Stadtteil, um den vielen tausend Flüchtlingen in der Stadt eine neue Heimat zu geben. Dieser Stadtteil erhielt den Namen Böckler- Siedlung.

Von der Flugplatzbebauung ist fast nichts mehr zu sehen. Als einzige Gebäude stehen noch der große Hangar an der Heider Bahn ( am Stadtwald ), das Hauptwach-Gebäude in dem sich heute das Polizeirevier 2 befindet und ein Gebäude, dass heute durch die Standortverwaltung genutzt wird, zu dessen Nutzung durch die Luftwaffe jedoch noch Informationen fehlen. Ein kleiner Teil vom ehemaligen Flugfeld dient heute dem Flugsport Club Neumünster als Heimat.

Der Hangar in Neumünster. Heute Privatgelände und „Betreten Verboten!“

Sollte mir jemand Hinweise, Geschichten oder Fotos zum Neumünsteraner Flugplatz vermitteln können, wäre ich für jegliche Informationen sehr dankbar! Marcus Kroll. Kontakt über: e-mail