Seefliegerhorst Tönning von Frank Quast

Bereits im 1.Weltkrieg gab es in Tönning einen Stützpunkt für Seeflieger. Dieser war sofort nach Kriegsausbruch 1914 provisorisch eingerichtet worden. Zunächst diente ein Zelt auf dem Gelände der Eiderwerft als Unterbringungsmöglichkeit, doch schon im November 1914 konnte im Vordeichgelände bei Klein Olversum eine Halle von ca. 48x16m in Betrieb genommen werden, die immerhin Platz für 3 Flugzeuge bot.

Flugzeugschuppen am Deich in Oelversum 1916

Quelle: „Tönning im Wandel der Zeiten“, Husum Verlag, 1990

Die Ausmaße des „Seeflugstützpunktes Tönning“, der der „II. Seeflieger-Abteilung“ unterstand, waren im Vergleich zu anderen Standorten recht bescheiden. Das Netz der Flugstützpunkte entlang der Nordseeküste wurde durch den Stützpunkt Tönning jedoch erheblich enger, was in Anbetracht der geringen Reichweiten der damaligen Seeflugzeuge und der anfälligen Flugzeugtechnik insgesamt sicherlich das wichtigste Argument für die Anlage eines Stützpunktes an diesem Orte war.

Schon vor dem Kriege hatte es intensive Verhandlungen mit der Kaiserlichen Marine gegeben, um eine geplante Luftschiffstation an der Westküste der Nordsee in Tönning entstehen zu lassen. Der Ausbruch des Krieges machte diese Pläne jedoch zunichte.

Nach Ende des 1.Weltkrieges nutzte der bekannte Seeflieger Friedrich Christiansen die Flughalle noch einige Zeit für zivile Zwecke. Im Auftrage einer Hamburger Fischereigesellschaft sollte er mit seinem Wasserflugzeug Heringsschwärme aufspüren. Im Zuge der Demilitarisierung Deutschlands mußte die Halle im Jahre 1921 jedoch endgültig  abgebrochen werden.

Die für die Marinefliegerei günstig erscheinende Eidermündung bei Tönning wurde beim Aufbau der Luftwaffe 1935 erneut als Standort für einen Seefliegerhorst auserkoren. Auf dem Gelände eines traditionsreichen Werfbetriebes, der noch um 1900 über 1000 Arbeitsplätze aufweisen konnte, sollten nach Abbruch der alten Bauten nun die Anlagen für den neuen Fliegerhorst errichtet werden. Die Baumaßnahmen wurden seit September 1935 mit Hochdruck vorangetrieben, doch obwohl bereits im März 1936 ein Vorkommando aus Kiel-Holtenau in Tönning eintraf,  konnte die offizielle Einweihung erst am 18. August 1936 erfolgen.

Lageplan Seefliegerhorst Tönning

(Bautenbestand um 1939) bearbeitet von Frank Quast

Zunächst noch als Zweigstelle des Kreisflugparkes (See) in Wilhelmshaven bestand die Aufgabe des Seefliegerhorstes Tönning schwerpunktmäßig in der Versorgung,  Wartung und Reparatur der Flugzeuge der Seefliegerverbände. In der Anfangszeit sah man hier vordringlich Schwimmerflugzeuge vom Typ Junkers W34, die als Schleppflugzeuge für den Flakschießplatz Büsum flogen.

Derweil ging der Ausbau des Horstes bis zum Ausbruch des 2.Weltkrieges weiter. Schließlich fanden ca. 100 zivile Arbeitskräfte auf dem Fliegerhorst Lohn und Brot, davon allein in der Werfthalle 50 Mann. Die Fliegerhorstkompanie Tönning hatte etwa eine stärke von 150 Soldaten. Die offizielle Bezeichnung des Seefliegerhorstes lautete nun „Luftpark 5/XI (See)“



Briefstempel der „Seefliegerhorstkompanie Tönning“

Quelle: Sammlung Frank Quast

Während die beiden Seeflugzeughallen direkt an der Eider lagen, entstand 1939 bereits hinter der Deichlinie eine große Depothalle (Halle III) in Holzbauweise, deren Abmessungen 112x20m betrugen. Hier lagerten neben Motoren und den üblichen Ersatzteilen aller Art auch ganze Flugzeuge und im Verlauf des Krieges sogar Flakgeschütze. Zum Schutze der militärischen Anlagen waren zeitweise sowohl leichte als auch schwere Flakgeschütze im Bereich Tönning stationiert.

Hallen 1 und 2, Luftaufnahme um 1960

Quelle: Gesellschaft für Tönninger Stadtgeschichte e.V.

In den Hallen der Tönninger Flugwerft waren im Verlauf der Zeit die verschiedensten Flugzeugtypen anzutreffen, darunter  He 42, He 59, He 60, He 114, Ju (W) 34 und Ju 52. Mit einem Prüfbeamten an Bord absolvierten die Überführungspiloten die Abnahme- und Wartungsflüge von der Eider aus. Die starke Strömung der Eider ließ einen umfangreicheren Flugbetrieb nicht zu. Da im Kriege in Tönning keinerlei Einsatzverbände stationiert waren, blieben die Anlagen von gezielten Bombenangriffen der Alliierten verschont.

Wache und Zufahrt in Tönning

Quelle: Aufnahme von  Frank Quast im Sommer 2000

Ehemaliges Lager- und Werkstattgebäude

Quelle: Aufnahme von  Frank Quast im Sommer 2000

Nach 1945 fanden mehrere produzierende Betriebe Ihre Heimat in den Hallen, darunter auch die bekannten Eternit-Werke und die Nissen-Elektrobau. Seit 1972 stellt die SIHI-Anlagentechnik in den Hallen Pumpen und Schweißteile her. Noch heute werden die Hallen gewerblich genutzt. Schon kurze Zeit nach dem Kriege verschwand die große Depothalle, viele andere Nebengebäude, besonders im Bereich der ehemaligen Unterkünfte, fielen im Sommer 1999 der Spitzhacke zum Opfer.


Frank Quast

Seestermühe

Tel.: 04125-958500

Fax.: nach Absprache

FrankQuast@hotmail.com

Themen:

- Militärgeschichte von Norddeutschland,

  besonders Schleswig-Holstein und Hamburg

- Fliegerhorst Uetersen sowie

  Heimatgeschichte Uetersen allgemein

- Historischer Segelflug

- Feldpost

Frank Quast hat auf www.luftfahrtspuren.de bereits mehrere andere Beiträge veröffentlicht!