Fliegerhorst Uetersen 1932-55

von Frank Quast (Seestermühe)

Flugsport auf der Franzosenkoppel

Im Frühjahr 1932 fanden sich in Uetersen flugbegeisterte junge Männer zusammen, um Flugsport zu treiben. Tatkräftige Unterstützung fanden sie bei Berufschuldirektor H.F.Jipp und Pastor Otto von Dorrien, einem ehemaligen Jagdflieger, der im 1.Weltkrieg in der Staffel des Rittmeisters Manfred Freiherr von Richthofen flog. Im Juni 1933 konnte dann das erste selbst gebaute Segelflugzeug auf dem alten Sportplatz in Uetersen starten. Dieser Sportplatz erwies sich jedoch schnell als zu klein und man erreichte nach schwierigen Verhandlungen, den Ankauf eines zwischen Uetersen und Pinneberg gelegenen Brachgeländes, im Volksmund als “Franzosenkoppel” bekannt ,um hier einen Luftsportübungsplatz zu bauen. Mit städtischen Mitteln und unermüdlicher ehrenamtlicher Arbeit wurde ein Teil des Geländes planiert und eine kleine Flughalle gebaut. Doch bevor 1935 der Flugbetrieb auf dem ca. 200x800m großen Areal durch die mittlerweile stark angewachsenen Ortsgruppe Uetersen des Deutschen Luftsportvereins richtig aufgenommen werden konnte, war der zivilen Nutzung des Geländes schon wieder ein Ende gesetzt, denn die Luftwaffe hatte ein Auge auf das Gelände geworfen.

Stabsgebäude des Fliegerhorstes Uetersen (etwa 20km nordwestlich von Hamburg,  auf halber Strecke zwischen Uetersen und Pinneberg)

Die Großbaustelle

Bereits im Januar 1935 begannen geheime Verhandlungen zwischen der Stadt Uetersen und dem Luftfahrtministerium in Berlin genau an dieser Stelle einen Fliegerhorst zu errichten. Obwohl das Projekt u.a. wegen der fehlenden Wasserver- und entsorgung und der recht aufwendigen Erdarbeiten für das neue Flugfeld fast nicht zustande gekommen wäre, begannen tatsächlich bereits Mitte März 1935 die ersten Bauarbeiten. Neben der Planierung und Befestigung des Rollfeldes nahm man parallel dazu die Arbeiten an den Hallen, denen ein umfangreicher Gebäudekomplex folgen sollte, in Angriff. Doch schnell merkte man, daß sich wegen des schlechten Baugrundes auch die Fundamentarbeiten für die Hochbauten sehr aufwendig gestalten würden. An eine befohlene Fertigstellung des Horstes bis April 1936 war nicht mehr zu denken. Fast wären die Arbeiten deshalb nach kurzer Bauzeit noch abgebrochen worden, wenn nicht der Uetersener Pastor von Dorrien seine Kontakte zu Hermann Göring, mit dem er 1918 in einer Jagstaffel zusammen geflogen war, hätte spielen lassen.

Zunächst gab man die Anlage noch offiziell als zukünftigen zivilen Flugplatz aus, ließ aber mit dem beginnenden Arbeiten an den Kasernengebäuden endgültig die Katze aus dem Sack.

Als man schließlich im August 1935 das Richtfest auf dem zukünftigen Fliegerhorst Uetersen feiert, wird es dann aber auch schon höchste Zeit, denn bereits am 1.Oktober 1935 quartierte sich mit der Flieger Ersatz Abteilung 37 die erste Luftwaffeneinheit auf den Fliegerhorst ein. Dieser gleicht zu diesem Zeitpunkt jedoch noch einer Großbaustelle. So mußte man sich in der ersten Zeit mit z.T. halbfertigen Kasernenblöcken und sogar einer Flugzeughalle als provisorische Unterkunft zufrieden geben. Erst 1939 sollten die Bauarbeiten ihren endgültigen Abschluß finden.

Dieses Foto aus der Nachkriegszeit vermittelt einen guten Eindruck über die Größe des umfangreichen Kasernenkomplexes der Anlage.

Um den immer neuen Anforderungen des Krieges gerecht zu werden, errichtete man in den folgenden 6 Kriegsjahren noch zahlreiche Baracken, Tarnboxen für die Flugzeuge und Munitionsdepots. Dazu zog man neben verschiedenen Luftwaffenbaukompanien auch Einheiten des Reicharbeitsdienstes heran.


Der Ausbildungsbetrieb

Die Flieger Ersatz Abteilung 37 unter Major Hückel war 1936 die erste Luftwaffeneinheit in Uetersen und sie sollte auch lange Zeit in Uetersen verbleiben. Hauptaufgabe war die Grundausbildung junger Rekruten und bereits am 31.Oktober 1936 fand die erste Rekrutenvereidigung in Uetersen statt.

Ende 1938 erfolgt die Umbenennung in Flieger Ersatz-Abteilung 32. Obwohl immer geplant, wurde in Uetersen nie eine eigene Flugzeugführerschule aufgestellt. Ab April 1939 bildete die Flieger Ersatz-Abteilung 32 in Uetersen zusammen mit der Flugzeugführerschule 32 Oldenburg das Flieger Ausbildungs Regiment 32, dessen Stab ebenfalls in Uetersen lag. Dabei wurde Uetersen bei der praktischen Flugschulung intensiv als Arbeitsplatz eingesetzt. Doch auch die benachbarte Flugzeugführerschule C in Stade war in dieser Zeit mit großen Schulflugzeugen häufiger Gast in Uetersen. Kurz nach Ausbruch des Krieges verlegte das gesamte Ausbildungsregiment nach Pardubitz in Böhmen.

Weiterhin betrieb man in Uetersen Grundausbildung in einer Ausbildungs-Kompanie, die im Frühjahr 1941 in der “Ausbildungsabteilung Luftgau XI” aufging und nun neben der reinen Grundausbildung auch noch Weiterbildung in Form von Lehrgängen betrieb. Hauptaufgabe der Lehrgänge war die infanteristische Ausbildung der Luftwaffensoldaten. Daneben fanden aber auch alle nur denkbaren anderen Lehrgänge statt, wie z.B. solche für Feldwebel, Zahlmeister und den Kriegsoffiziersnachwuchs. Obwohl seit 1942 ständig verkleinert, bestand die Abteilung bis etwa Ende 1944.

Nach Beginn des Krieges gegen Rußland wurden in großer Zahl Angehörige der Fliegerbodenorganisation von schleswig-holsteinischen Plätzen abgezogen und im Auffanglager LG XI in Uetersen zusammengefaßt. Nach einer kurzen Infanterie-Ausbildung ging es dann meist Richtung Ostfront in die Luftwaffenfelddivisionen.

Um die Jahreswende 1944/45 beherbergte der Fliegerhorst Uetersen für mehrere Monate das Fallschirm-Pionier Ersatz- und Ausbildungs-Bataillon 1. Kurz vor Kriegsende wurde der Horst dann Sammelpunkt für versprengte und im Flugdienst nicht mehr benötigte Soldaten, die dann notdürftig ausgebildet und schlecht ausgerüstet zu Kompanien zusammengestellt und als letztes Aufgebot an die in nunmehr in Norddeutschland verlaufende Front geschickt wurden.

Während des Krieges wurden auch mehrere für die Westfront bestimmte Feldfliegerhorstkommandanturen in Uetersen aufgestellt bzw. aufgefrischt. Für das Jahr 1942 sind dabei die Fl.H.Kdtr. E 67/XI und die Fl.H.Kdtr. 16/IV (E) nachzuweisen.

Mit der 2./ Kompanie der Flieger Technischen Schule 4, taucht 1944 aus dem Osten kommend eine weitere Einheit in Uetersen auf, um nach kurzem Aufenthalt hier aufgelöst zu werden.


Der Flugbetrieb

Natürlich diente der Fliegerhorst auch fliegenden Verbänden. Während in der Friedenszeit nur geringer Schulflugbetrieb herrschte, so steigerte sich der Flugbetrieb auf dem Fliegerhorst im Kriege doch erheblich, was an einer großen Zahl von Zwischenlandungen der verschiedensten Verbände lag. Die Zahl der in Uetersen fest stationierten Staffeln war im Kriege allerdings recht überschaubar.

Nach dem Polenfeldzug quartierten sich Teile der Jagdgruppe 101 kurzzeitig in Uetersen ein, ebenso flog im Herbst 1939 auch die I./(J)LG 2 Jagdeinsätze über der Deutschen Bucht von diesem Platz. Auch die Fernaufklärerin benutzten in den ersten Kriegsmonaten gerne den Uetersener Platz.

Im November ’39 kam dann die Küstenfliegergruppe 806 mit 2 Staffeln nach Uetersen und sollte den Fliegerhorst erst im Spätsommer 1940 wieder verlassen. Auftrag der Küstenfliegergruppe war die Aufklärung über der nördlichen Nordsee. Beide Staffeln wurden aber teilweise auch als Kampfflieger eingesetzt. Während der Zeit in Uetersen ereigneten sich mehrere Abstürze auf dem Fliegerhorstgelände, mit Verlust an Menschenleben und Material.

Wartungsarbeiten an einer He 111 der Küstenflieger in Uetersen.

Wirkliche Bedeutung sollte der Fliegerhorst aber erst beim Angriff auf Dänemark und Norwegen im April 1940 erlangen. In den frühen Morgenstunden des 9. April startete in Uetersen die 8./ Staffel des Kampfgeschwader zur besonderen Verwendung 1 (“8./KG z.b.V.1”). An Bord der 12 Ju52 befand sich die 4./ Kompanie des Fallschirmregiment 1. Der größte Teil der Fallschirmjäger wurde knapp eine Stunde später an der Storströmbrücke, die die Insel Falster mit Seeland verbindet aus der Luft abgesetzt. Auftragsgemäß überrumpelten die deutschen Fallschirmjäger die dänischen Brückenwache und sicherten die Brücke bis zum Eintreffen deutscher Bodentruppen. Damit hatte auch Uetersen Kriegsgeschichte geschrieben, denn es war der erste Kampfeinsatz von Fallschirmtruppen aus der Luft in einem Krieg überhaupt!

Eine kleine Gruppe Fallschirmjäger wurde wenig später auf den dänischen Flugplätzen Aalburg-Ost und –West abgesetzt, die ebenso unblutig im Handstreich besetzt werden konnten.

In den Morgenstunden jenes 9.Aprils starten später aber noch über 100 andere Transportmaschinen vom Fliegerhorst Uetersen. Es sind die 53 Flugzeuge (Ju 52) der I./Gruppe des KG z.b.V. 1 und die 51 Maschinen (ebenfalls Ju 52) der KGr z.b.V. 106. Sie bilden die zweite Welle bei der Eroberung der Flugplätze in Aalborg und des Flugplatzes im norwegischen Stavanger-Sola.

Auftragsgemäß sollte die I./Gruppe KG z.b.V. 1 das II. Bataillon des Infanterie Regiment 159 nach Aalborg-Ost und -West bringen. Wie bereits erwähnt hatte ein Zug des 4./FJR 1 die Flugplätze bereits übernommen und konnte so die Landung der nachfolgenden fünfzig Transportflugzeuge sichern.

Reger Flugbetrieb durch Ju 52 auf dem Uetersener Flugfeld. Im Hintergrund sind die Kasernen des Fliegerhorstes gut zu erkennen.

Nach Beendigung des “Feldzuges” hatte der Fliegerhorst Uetersen strategisch kaum noch Bedeutung und wurde nach und nach personell ausgedünnt und schließlich 1942 zum Flugstützpunkt herabgestuft. Gelegentlich operierten von Uetersen auch Jagdfliegerverbände der Reichsverteidigung, größere zusammenhängende Einheiten waren aber nur selten anzutreffen.

Im Sommer 1941 bildete die Ergänzungsgruppe JG 27 für einige Monate auch in Uetersen aus. Auf dem Programm standen neben den üblichen Übungsflügen auch das Werfen von Übungsbomben aus Beton.

Um die Jahreswende 41/42 machte von Rußland kommend das II./JG 54 mehrere Wochen Station in Uetersen , um hier aufgefrischt zu werden.

Gleich darauf, im Februar 1942, folgte dann für kurze Zeit die II./JG 1. Wegen der schneeverwehten und vereisten Landebahn gingen allerdings bereits bei der Landung auf dem Uetersener Rollfeld mehrere Maschinen zu Bruch.

Bis zum Kriegsende nutzen in der Folge die verschiedensten Jagdfliegerverbände Uetersen als Ausweichplatz, zu längeren Aufenthalten einzelner Staffeln kam es jedoch nicht.

Nach den schweren Luftangriffen auf Hamburg im Juli 1943 sollte sogar die I./JG 5 aus Norwegen nach Uetersen verlegt werden, doch noch im Anmarsch wurde die Aktion wieder abgeblasen und die Gruppe in Dänemark eingesetzt.

Die Stippvisite des JG7 Piloten Lennartz erbrachte im Februar 1945 den Beweis, daß der Grasplatz in Uetersen sogar von der Me262 angeflogen werden konnte.

Den Schlußpunkt bildeten dann von April bis Anfang Mai ´45 die Flieger des JG 26 mit ihren FW 190 D-9 Jagdflugzeugen, die bis in die letzten Kriegstage hinein noch Einsätze von Uetersen flogen. Uetersen war in diesem Stadium des Krieges zum Frontflugplatz geworden. Meist wurden englische Bodenstellungen und Fahrzeugkonvois im nördlichen Niedersachsen angegriffen. Dabei wurde die Gruppe auch in Luftkämpfe verwickelt.

Oft flogen auch Nachtjäger den Platz an, besonders das NJG 3, das auf dem nur einen Katzensprung entfernten Fliegerhorst Stade lag, nutzte häufig als Gast die Uetersener Rollbahn. Durch die vorhandene Beleuchtung war der Platz voll nachtflugtauglich.

Seit Sommer 1942 war auch immer wieder die Zieldarstellungsstaffel 102 in Uetersen. Neben ihrer eigentlichen Arbeit, der Zieldarstellung für die Flak, war die Hauptaufgabe dieser Staffel, jungen Piloten Flugerfahrung zu geben.

Auch die IV./KG 30 soll 1942 für kurze Zeit den Platz belegt haben. Es handelte sich hierbei um die Ergänzungsgruppe des KG30, die junge Piloten als Kampfflieger ausbildete.


Bomben auf den Fliegerhorst

In der Nacht vom 3. Auf den 4. März 1943 griffen englische Verbände die nur wenige Kilometer entfernte Stadt Wedel an. Dabei fielen auch zahlreiche Bomben auf den Fliegerhorst, die Menschenleben forderten und nicht unerhebliche Schäden anrichten. Eine Lehrlingswerkstatt wurde komplett zerstört und mehrere Kasernengebäude z.T. erheblich beschädigt.











Ein verbogenes Hallentor zeugt von der Heftigkeit des nächtlichen Angriffs.

1945: Die Royal Air Force kommt und bleibt

Gleich nach der Kapitulation beginnen englische Pioniere den Fliegerhorst für Ihre eigenen Zwecke herzurichten. Und tatsächlich werden in den folgenden Monaten bis zu 5 Staffeln gleichzeitig in Uetersen eingesetzt. Es waren dies die Squadron Nos. 411, 412, 416, 421 und 443. Alle diese Staffeln gehörten der Royal Canadian Air Force (RCAF) an. Darüber hinaus befanden sich auch die Hauptquartiere des 126. Wing und der 83. Group in Uetersen. Der Anteil an Offizieren war so groß, daß man das alte deutsche Unteroffizierskasino zum Offizierskasino umfunktionieren mußte. Der englische Kommandant lebte anfangs nicht auf dem Fliegerhorst, sondern in einem requirierten Anwesen in Blankenese!.

Abgestellte Spitfire MK. XVI der No. 416 Squadron im Winter 1945/46 auf dem Flugplatz Uetersen.

Bereits im März 1946 wurden die letzten Staffeln jedoch in Uetersen aufgelöst und der Platz lediglich noch von Verbindungsmaschinen wie der Avro Anson genutzt.

Bis etwa 1950 diente die “RAF Station Uetersen” dann hauptsächlich als Standort für verschieden Einheiten des RAF Regiment. Die großen Hallen beherbergten den Fahrzeugpark einer großen Nachschub- und Transporteinheit.

Als Auswirkung des Kalten Krieges waren dann seit Anfang der 50er Jahre fast ausschließlich Nachrichteneinheiten in Uetersen stationiert. Aufgabe dieser Einheiten war das Abhören und Auswerten des Funkverkehrs jenseits der innerdeutschen Grenze.

Dieses Foto aus der Nachkriegszeit zeigt die Zufahrt zum Fliegerhorst; links das Wachgebäude (ca. 1960)

Im Jahre 1955 übergab die RAF den Fliegerhorst an die Bundesvermögensverwaltung und schon kurze Zeit später zog die Bundeswehr ein. Seit dieser Zeit wird die Marseille Kaserne, wie der Fliegerhorst heute offiziell heißt, als reiner Ausbildungsstandort genutzt, bis in die 70er Jahre sogar zur Flugausbildung. Heute befindet sich hier die Unteroffiziersschule der Luftwaffe. Praktisch jeder Angehörige der Bundes-Luftwaffe vom Unteroffizier aufwärts war in seiner Dienstzeit auch einmal in Uetersen stationiert.

Seit seiner Gründung in den 50er Jahren war in Uetersen auch das Luftwaffenmuseum beheimatet, bis es 1995 leider nach Berlin-Gatow verlegte.

Gesamtansicht im Januar 1941 (Schnee)

Natürlich läßt sich in dieser zusammenfassende Darstellung nur eine Übersicht über das Geschehen auf dem Fliegerhorst vermitteln. Sollte der interessierte Leser Fragen haben, so stehe ich gerne zur Verfügung. Für weitere Hinweise zur Geschichte des Fliegerhorstes, auch zur Bundeswehrzeit, wäre ich jedoch sehr dankbar. Immer gesucht sind Fotos, Flugbuchauszüge und andere Dokumente, die das Geschehen in Uetersen erhellen können.


Frank Quast

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